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Sunday, 09.12.2018

Zahnnotfälle:

Unter den Notfällen in der Tierzahnheilkunde stehen die Zahnfrakturen mit Eröffnung der Pulpa (Nerv) mit Abstand an erster Stelle. Gefolgt von Kieferfrakturen und Zahnluxationen (Herausbrechen des Zahnes aus seiner Knochenverankerung), werden sie in den meisten Fällen durch Stock- und Steinspielen, Beißereien oder Autounfälle verursacht.

Eine frische Zahnfraktur mit Eröffnung der Pulpa - erkennbar an einer Blutung - sollte immer als zahnmedizinischer Notfall betrachtet und umgehend versorgt werden. Oberstes Ziel ist es, durch eine rasche und korrekte Behandlung, die Vitalität ( also das Überleben des Zahnes) zu sichern.

Warum ist das Überleben des Zahnes gerade beim jungen Tier so wichtig?

Woran erkenne ich nun einen Zahnnotfall?

Was sollte man tun wenn eine frische Zahnfraktur vorliegt?

Wie verhalte ich mich bei einer älteren Zahnfraktur?

Der Notfall einer Zahnluxation. Wie verhält man sich am besten?

Warum ist das Überleben des Zahnes gerade beim jungen Tier so wichtig?

Die Vitalität des Zahnes zu erhalten ist u. a. deshalb von so grosser Bedeutung, weil die Wanddicke und damit die Stabilität des Zahnes erst mit den Jahren zunimmt. Wenn man die Entwicklung eines Zahnes in den ersten 5 Lebensjahren genauer betrachtet, so wird man feststellen, dass bei einem jungen Tier im Alter von 8 Monaten - also unmittelbar nach dem Zahnwechsel von Milch- zu bleibendem Gebiss - die Wandstärke des Zahnes relativ gering und die Pulpahöhle (Nervenhöhle) entsprechend gross und weit ist.

Durch die stetige Bildung von sogenanntem Sekundärdentin (Ersatzzahnbein) im Inneren der Pulpahöhle nimmt die Wandstärke des Zahnes zu. Er wird immer stabiler und die Pulpahöhle wird immer enger, so dass sie beispielsweise bei einem Deutschen Schäferhund im Alter von 5 Jahren nur noch die Dicke einer Bleistiftmiene aufweist. Dies ist u. a. auch der Grund, warum sich ein junger Hund bei einem Schlag auf einen Zahn diesen eher abbricht - dagegen bei einem älteren Hund der Zahn im Ganzen aus seiner Knochenhöhle herausbricht (Zahnluxation). Es ist nun leicht nachzuvollziehen, warum bei einem jungen Tier die Erhaltung der Vitalität eines Zahnes so wichtig für seine weitere Stabilitätsentwicklung ist.

(Röntgenbild eines 11 Monate alten Hundes. Man kann gut die weite Pulpahöhle im Vergleich zur geringen Wandstärke erkennen.)

Woran erkenne ich nun einen Zahnnotfall?

Neben den ganz offensichtlichen Zeichen eines Trauma in der Maulhöhle, wie Deformationen der Kiefer, Schwellungen oder starke Blutungen und plötzliche Schmerzhaftigkeit, können aber auch schwach ausgeprägte Zeichen, Indizien für einen Zahnnotfall sein. Dazu gehören vermehrte Zungenbewegungen, Speicheln, Appetitlosigkeit, einseitiges Kauen oder Tragen von Gegen- ständen, sinkende Spiellust und vermehrte Aggressivität.

Die mit Abstand häufigsten Zahnfrakturen findet man an den Eckzähnen und an den Aussenlamellen der oberen Reisszähne. Rüden grosser Rassen sind häufiger betroffen als weibliche Hunde. Bei genauer Betrachtung des Gebisses sollte man auf abgebrochene Zähne oder Zahnteile achten. Die Frage ob die Pulpahöhle eröffnet ist kann man z. B. durch Sondierung des Zahnes klären. Ein frischer Blutstropfen bei der Sondierung oder ein deutliche Schmerzhaftigkeit sprechen dafür, dass es sich um eine frische Fraktur mit vitaler Pulpa (lebender Zahn, Nerv) handelt.

Ist dagegen die eröffnete Stelle am Zahn oder der gesamte Zahn selbst dunkel, ohne das bei der Sondierung Blut austritt und zeigt der Hund dabei keinerlei Schmerzreaktion, ist das Vorliegen eines avitalen Zahnes (also bereits abgestorbener Nerv) wahrscheinlich.

Was sollte man tun wenn eine frische Zahnfraktur vorliegt?

Wie oben bereits beschrieben, sollte eine Zahnfraktur mit Eröffnung der Pulpa und gleichzeitigem Verdacht, dass der Zahn noch vital ist, als Notfall behandelt werden und möglichst frühzeitig versorgt werden, um das Überleben des Zahnes zu sichern.

Nach Überweisung zu einem spezialisierten Kollegen wird dieser den Zahn in Narkose röntgen um abzuklären, ob z. B. eine Fraktur bis in die Wurzel vorliegt oder der Rest des Zahnes soweit in Ordnung ist, dass der Zahn erhalten bleiben kann. Danach wird unter sterilen Verhältnissen der oberste Teil der Pulpa entfernt und damit eine Wundverlagerung in die Tiefe erreicht, so dass eine darüber platzierte Füllung einen keimdichten Verschluss des verletzten Zahnes sicherstellt. Ziel dieser Behandlung ist die Anregung der Odontoblasten sogenanntes Reparaturdentin in form einer Brücke unterhalb der Füllung zu bilden, die einen zusätzlichen Schutz über der empfindlichen Pulpa liefert. Diese Dentinbrückenbildung wird durch eine Röntgenaufnahme nach ca. 6 Monaten kontrolliert.

(Dentinbrückenbildung unterhalb einer Füllung. Kontrollröntgenaufnahme 6 Monate nach einer Vitalamputation.)

Wie verhalte ich mich bei einer älteren Zahnfraktur?

Eine ältere Fraktur erkennt man oft an der dunkleren Verfärbung des gesamten Zahnes im Vergleich zu den Nachbarzähnen. Die Eröffnungsstelle zur Pulpa ist meistens ebenfalls schon dunkel bis schwarz verfärbt. Bei der Sondierung ist keine Schmerzreaktion oder Blutung mehr festzustellen. Die Sondenspitze kann einen unangenehmen Geruch aufweisen. Dies alles sind Zeichen, dass die Pulpa (Nerv) bereits abgestorben ist. Da es sich hierbei nicht mehr um einen Notfall handelt kann die Behandlung eines solchen Zahnes in Ruhe geplant werden.

Die Annahme, dass ein solcher Zahn gar nicht mehr behandelt werden müsste, ist leider weit verbreitet.

Was würde ohne Behandlung geschehen?

Keime die über die eröffnete Pulpa in das Zahninnere gelangen führen zu einer Entzündung der Pulpa (Pulpitis) und bewirken das der Nerv letztlich abstirbt (Pulpanekrose). Je nach Abwehrlage des Immunsystems wandern die Bakterien dann weiter über die Wurzelspitze hinaus ins umliegende Knochengewebe, bewirken dort vorerst eine lokale Entzündung mit partieller Auflösung des Knochengewebes und bilden ein sogenanntes Wurzelgranulom. Spätere Folgen sind dann eine sich ausbreitende schmerzhafte Entzündung mit Schwellung eines grösseren Knochen- und Weichteilgebietes (die sog. „dicke Backe“). In diesem Stadium der Entzündung ist der Zahn meist nicht mehr zu retten. Bleibt auch dieses Stadium der Knochenentzündung unbehandelt, wird der Zahn irgendwann aus dem Knochen herauseitern.

Wie kann man dies nun verhindern?

Eine Eröffnung des Pulpa muss grundsätzlich immer behandelt werden.

Genau wie beim Menschen sollte eine korrekte und sachkundig durchgeführte Wurzelbehandlung (Endodontie) erfolgen. Hierbei wird der entzündete oder abgestorbene Nerv entfernt und die Pulpahöhle so aufbereitet, dass durch abtragen der Innenwandschichten mittels Zahnfeilen und wiederholten Spülungen mit desinfizierenden Lösungen eine Keimfreiheit von der Öffnung bis zur Wurzelspitze erreicht wird. Im Anschluss daran wird die leere Pulpahöhle mit einer Wurzelfüllmasse und Harzstiften derart gefüllt, dass ein keimdichter Verschluss sowohl zur Wurzelspitze und zur Zahnhöhleninnenwand, als auch zur ehemaligen Öffnungsstelle in form einer Füllung gewährleistet ist. Dieser avitale Zahn ist zwar etwas spröder als ein Lebender, jedoch in Form und Funktion voll einsatzfähig und für das Tier brauchbar.

Der Notfall einer Zahnluxation. Wie verhält man sich am besten?

Zahnluxationen werden bei Hunden beobachtet die beim apportieren von grossen schweren Hölzern gegen Hindernisse laufen, wobei es durch die Übertragung erheblicher Hebelkräfte auf den Zahn von einer Lockerung (Subluxation) bis hin zum kompletten Ausreissen aus seiner Verankerung (Avulsion) kommen kann. Auch Beißereien mit Verklemmung eines Zahnes im Stahlhalsband kann diese Verletzungen zur Folge haben.

Vor jeder Behandlung sollte eine prognostische Abwägung der Erhaltungschancen erfolgen. Da ein komplett aus seinem Zahnfach herausgehebelter Zahn nur eine kurze Überlebenszeit von ca. ½ Stunde hat, sollte er am besten in kalter H-Milch transportiert (Überlebenszeit verlängert sich auf ca. 3 - 4 Std.) schnellstmöglich zur Reimplantation gelangen. Durch die Schienung an geeignete Nachbarzähne kommt es zur temporären Ruhigstellung des betroffenen Zahnes. Röntgenverlaufskontrollen sollten wegen der Gefahr von Auflösungserscheinung an den Wurzeln dringend erfolgen.