Zahntierarzt für Hunde, Katzen, Kaninchen und Nager

Zahnerkrankungen bei Kaninchen & Nagern

Kauprobleme durch Zahn- und Kieferfehlstellungen sind die häufigste Ursache für Inappetenz bei Kaninchen, Meerschweinchen und anderen Heimtieren, wie Chinchilla, Hamster und Ratte. Sie nehmen in der Heimtiersprechstunde mit Abstand den größten Anteil ein. Fütterungsfehler sind der häufigste Grund für Probleme beim Fressen.

Eine Fütterung von Gras oder Heu ad libitum ist die beste Prophylaxe für die Zahngesundheit unserer Heimtiere!

Mein Kaninchen oder Nager frisst nicht – was ist zu tun?

Aus vielen Gründen kann es dazu kommen, dass Ihr Kaninchen, Meerschweinchen oder anderer Nager nicht frisst. Beobachten Sie Ihr Tier hinsichtlich anderer Verhaltensänderungen, versuchen Sie es auch mit Leckerli. Sollte Ihr Tier nach einem Tag noch nichts zu sich genommen haben, sollten Sie einen Tierarzt aufsuchen. 

Mögliche Gründe, weshalb ein Kaninchen die Futteraufnahme verweigert: 

  • Zahnerkrankungen: Im Folgenden erklären wir Ihnen, wie es dazu kommen kann
  • Verdauungsschwierigkeiten, z. B. durch eine falsche Fütterung
  • Vergiftung durch ungeeignete Lebensmittel oder Pflanzen
  • Stress
  • Infektionen 
  • Parasiten 

und einige Möglichkeiten mehr

Jede Unregelmäßigkeit im Zusammenhang mit der Fütterung und dem Fressen sollte Sie dazu veranlassen, Ihren Schützling zeitnah bei einem Tierarzt vorzustellen.

Woran erkenne ich eine Zahnerkrankung bei Kaninchen und Nagern?

Erkrankungen durch Kauprobleme werden häufig erst sehr spät vom Heimtierbesitzer festgestellt. Ein Grund dafür ist, dass Heimtiere selten abgemessene Rationen zu fressen bekommen, sondern oft einen vollen Futternapf zur freien Verfügung haben. Ein weiterer Punkt, den wir oft von den Besitzern hören, ist der, dass ihre Schützlinge jedoch ständig beim Fressen und Kauen beobachtet werden.

Abmagerung von Heimtieren

Es ist - bei den oft vergeblichen Kauversuchen - aber kaum zu beurteilen, ob die Tiere tatsächlich in der Lage sind, das Futter so zu zerkleinern, so dass es auch abgeschluckt werden kann. Daher ist es nicht selten, dass wir die Patienten erst dann vorgestellt bekommen, wenn eine deutliche Abmagerung durch den Besitzer festgestellt wird. Meist befinden sich die Tiere dann bereits in einem mäßigen Allgemeinzustand.

Deshalb ist es von enormer Wichtigkeit, die frühen Zeichen einer Zahn- oder Kiefererkrankung zu erkennen. Das wöchentliche Wiegen der Tiere ist ein objektiver Gradmesser für eine ausreichende Futteraufnahme.

Symptome für Zahnprobleme bei Kaninchen und Nagern

  • Verändertes Fressverhalten
  • Abmagerung von über 5 %
  • Verringerte Kotmenge
  • Schiefe Abnutzung der Schneidezähne (deutet auf ein Problem im Backenzahnbereich)
  • Vermehrte Kaubewegung ohne Futteraufnahme
  • Speicheln
  • Speichelverklebtes Fell an Kinn und Halspartie („slobber“)
  • Harte und weiche Schwellungen im Unterkiefer- oder Kehlgangsbereich
  • Vergrößerung des Augapfels
  • Tränen- oder Nasenausfluss

Wie werden Zahnprobleme bei Kaninchen und Nagern beim Tierarzt festgestellt?

Bei der Untersuchung in der Tierarztpraxis untersuchen wir zunächst äußerlich den Kopf und den Kiefer. Anschließend führen wir durch einfaches Lefzenheben eine Kontrolle der Schneidzähne und des Kieferschlusses durch. Mit einer beleuchteten Lupe, einem Otoskop mit Metallaufsatz, können wir eine grobe Beurteilung des vorderen Backenzahnbereiches und des Weichteilgewebes wie Zunge oder Wangen vornehmen. Bei geringstem Verdacht auf Unregelmäßigkeiten unterziehen wir die gesamte Maulhöhle einer exakten Untersuchung.

Dies setzt allein auch schon aus tierschutzrechtlicher Sicht eine Sedation oder Narkose unbedingt voraus, denn die Abwehrbewegungen des Tieres bergen eine enorme Verletzungsgefahr. An einem sedierten Tier ist eine spezielle Untersuchung aller Bereiche des Gebisses möglich. Röntgenaufnahmen bei geschlossenem und geöffnetem Kiefer lassen Aussagen über kieferorthopädische Probleme zu. Ebenso können wir auf diesen Übersichtsaufnahmen das Längenwachstum der Zähne oder auch knöcherne Veränderungen bei Zahnwurzelabszessen beurteilen.

Wie entstehen Zahnerkrankungen bei Kaninchen und Nagern?

Bei der Entstehung von Zahnerkrankungen ist es wichtig, die anatomischen Besonderheiten der Heimtiere zu unterscheiden.

Alle Nagetiere sowie Kaninchen und Hasen (keine Nager, sondern Lagomorpha: „Hasenartige“) besitzen hypsodonte Schneidezähne mit der Fähigkeit des lebenslangen Nachwachsens. Bei Kaninchen, Hasen, Meerschweinchen und Chinchillas wachsen auch die Backenzähne lebenslang nach. Die Backenzähne von Hamstern, Mäusen und Ratten haben Wurzeln mit abgeschlossenem Längenwachstum.

Das bedeutet, dass nachwachsende Zähne in gleicher Weise, wie sie aus dem Kiefer herausgeschoben werden, auch abgenutzt werden müssen. Die Zahnproduktion der nachwachsenden Zähne bei Meerschweinchen oder Kaninchen liegen durchaus im Bereich von 1 - 3 mm pro Woche! Wenn die Zähne nicht ausreichend abgerieben werden, kann es zu massiven Problemen im Gebiss dieser Tiere kommen.

Das ist der Grund, warum eine Fütterung, durch die keine gleichmäßige und stetige Abnutzung der nachwachsenden Zähne erfolgt, die häufigste Ursache für Zahn- oder Kiefererkrankungen bei unseren Heimtieren sind.

Welche Arten von Zahn- oder Kieferproblemen bei Heimtieren gibt es?

Scharfe Zahnkanten verletzen die Maulhöhle

Typische Folge eines Missverhältnisses von Zahnproduktion und Zahnabnutzung ist das vermehrte Längenwachstum. Dadurch entsteht erhöhter Druck auf die Kaufläche der Backenzähne. Bedingt durch den stetig zu hohen Kaudruck weichen die Backenzähne derart aus ihrer normalen Lage, dass es zu ungleichmäßiger Abnutzung und damit zu enorm scharfen Zahnkanten kommt.

Diese Zahnkanten bilden sich im Unterkiefer nach innen zur Zunge und im Oberkiefer nach außen zur Backenseite. Die Folge sind massive Verletzungen des Zungengewebes durch die messerscharfen Spitzen im Unterkiefer. Im Oberkiefer beschädigen sie die empfindliche Backenschleimhaut. Durch Einlagerung von Futterpartikeln in die Verletzungen können diese Wunden zu tiefen Geschwüren führen, durch die eine Kautätigkeit unmöglich wird.

Verhinderung der Schluckbewegung

Im Unterkiefer der Meerschweinchen kann es, durch die Zunahme der zungenwärtsgerichteten Zahnkanten und der gleichzeitig starken Kauflächenneigung, zur Brückenbildung (siehe unten) der Unterkieferbackenzähne über die Zunge kommen. Dies kann die natürliche Schluckbewegung durch die Zunge unmöglich machen.

Schädigung des Gewebes im Wurzelbereich der Zähne

Eine weitere Folge des Missverhältnisses von Zahnproduktion und -abnutzung ist die Verlängerung der Zähne in die Maulhöhle, so dass es zu einem Dauerkontakt der Backenzähne kommt. Durch die stetige Erhöhung des Kaudrucks kommt es zu einer Schädigung des Keimgewebes im Wurzelbereich dieser Zähne.

Einwachsen der Backenzahnwurzeln in die Augenhöhle

Oben genannte Auswirkung kann sogar zu einem Wachstum in umgekehrte Richtung, also zur Wurzel hin, führen. Häufig im Oberkiefer zu beobachten ist ein Einwachsen von Backenzahnwurzeln in die Augenhöhle oder die Verlegung des Tränennasenkanals.

Kiefervereiterungen und Abszesse, Vergrößerung des Augapfels, Tränen- oder Nasenausfluss

Im Unterkiefer dagegen entwickeln sich häufig harte oder weiche Verdickungen an dessen unteren Rand. Diese bilden sich zu Kiefervereiterungen und Abszessen aus. Deshalb sind Vergrößerungen des Augapfels, Tränen- oder Nasenausfluss sowie Verdickungen am Unterkieferrand typische Symptome einer Zahnproblematik des Heimtieres. 

Natürliche Kieferfehlstellungen bei Heimtieren

Kieferfehlstellungen bei Heimtieren zeigen sich meist durch das übermäßige Längenwachstum der Schneidezähne. Durch einen zu kurzen Ober- oder Unterkiefer ist eine exakte Schlussbissstellung der Schneidezähne nicht möglich. Ein korrekter Abrieb der Schneidezahnkanten unterbleibt. Aber auch bei natürlicher Kieferstellung können ungleichmäßige oder fehlerhafte Abnutzungen der Schneidezähne ein Indiz für eine Problematik im Backenzahnbereich sein.

Behandlung von Zahnproblemen bei Kaninchen und Nagern

 

Oberstes Ziel einer Zahnbehandlung bei Heimtieren ist die Wiederherstellung einer normalen Schlussbissstellung der Schneide- und Backenzähne, so dass ein natürlicher Kauvorgang möglich ist.

Kürzen der Schneidezähne

Ein Kürzen der Schneidezähne ist bei Heimtieren in der Regel ohne Narkose oder Sedation möglich. Um Zahnsplitterungen zu vermeiden, benutzen wir auf keinen Fall eine Zange. Hierfür besser geeignet sind rotierende Instrumente mit Bohrern oder Diamantschleifern.

Den Grad der Kürzung bestimmen wir durch die tierartlichen Besonderheiten. Bei Kaninchen sind die Schneidezähne, im Gegensatz zu den Backenzähnen, bei geschlossenem Kiefer in Kontakt, so dass die normale Länge dieser Zähne leicht zu bestimmen ist. Bei den Nagern ist dies nicht der Fall. Während sich die Backenzähne bei geschlossenem Kiefer in Kontakt befinden, stehen die Schneidezähne kontaktlos hintereinander.

Korrektur der Backenzähne

Eine professionelle Korrektur der Backenzähne ist ausschließlich in Narkose oder Sedation möglich. Eine korrekte und sichere Therapie ist nur nach einer exakten Untersuchung der Maulhöhle und mittels Röntgenaufnahmen gewährleistet. Unter größtmöglichem Schutz des Weichteilgewebes korrigieren wir mit Hilfe von rotierendem Instrumentarium die Bissverhältnisse. Die ausschließliche Verwendung von Zahnzangen und diamantierten Feilen vermeiden wir, da die Gefahr von Zahnfrakturen oder die Verletzung von Weichteilgewebe nicht zu unterschätzen ist.

Bei der Wiederherstellung der natürlichen Kauflächenneigung berücksichtigen wir, dass die Kauebene beim Kaninchen um ca. 10° und beim Meerschweinchen um ca. 30° vom nahezu horizontalen Bissschluss der Chinchillas abweicht.

Zahnextraktion

Ist ein Ziehen von Zähnen unvermeidbar, sollte auch das Keimgewebe anschließend im Wurzelbereich entfernt werden. So wird ein Nachwachsen von Zahnhartsubstanz verhindert. Durch die beschränkte Möglichkeit der Maulöffnung ist es in manchen Fällen unvermeidbar, zum Ziehen eines Zahnes einen operativen Zugang von außen zu wählen. Nach dem Zähneziehen kommt es häufig zum verlängerten Wachstum des gegenüberliegenden Zahnes. Dieses wiederum kann zu einer Keilbildung in die Zahnlücke führen. Eine regelmäßige Kontrolle beim Tierarzt, ggf. mit Korrektur, ist in so einem Fall unvermeidbar.

Was hilft bei Zahnproblemen von Haustieren?

Die Ernährung von Kaninchen

In natürlicher Umgebung ernährt sich ein Kaninchen als reiner Grasfresser überwiegend von stark abrasivem Gras, Wurzeln und anderen Pflanzenteilen. Der hohe Anteil von Silicaten in der Erde sorgt auf natürliche Weise für eine gute Abnutzung der Backenzahnkauflächen. Kaninchenkiefer bewegen sich beim Kauen in seitliche Richtungen. Auch dies spricht gegen die Gabe von Getreidekörnern oder pelletiertem Futter. Denn bei dieser Art der Kaubewegung werden beispielsweise Körner oft nur angequetscht und werden nicht zermahlen abgeschluckt. So können sie zusätzlich zu Verdauungsstörungen beim Kaninchen führen.

Die Ernährung von Meerschweinchen

Der natürliche Lebensraum der Meerschweinchen sind die Hochebenen der Anden. Hier ernährt es sich ebenfalls überwiegend von sehr rauem, hartem Gras, was einen optimalen Abrieb der Kauflächen bei dieser Tierart garantiert. Im Gegensatz zum Kaninchen sind die Kaubewegungen beim Meerschweinchen und anderen Nagern überwiegend vor- und zurückgerichtet.

Weitere Gründe für eine ausreichende Heu- und Grasfütterung

Ein weiterer Aspekt, der für die Gabe von Gras oder Heu spricht, ist die Dauer der Kautätigkeit. Natürlicherweise sind Kaninchen und Nager den überwiegenden Teil des Tages mit Kauarbeit beschäftigt, um ihren normalen Kalorienbedarf zu decken. Durch die Gabe von vorzerkleinertem, also pelletiertem Futter müssen unsere Heimtiere jedoch kaum noch Kauarbeit verrichten. Das führt häufig, auch durch Langeweile, zu einer übermäßigen Futter- und Kalorienaufnahme. Der Anteil von stark übergewichtigen Heimtieren mit Verdauungsproblemen in unserer Sprechstunde ist nicht zu unterschätzen.

So und nun mal ehrlich: Wie würden Sie sich entscheiden zwischen Schwarzbrot und Mousse-au-Chocolat?

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