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Tuesday, 17.10.2017

Zahnerkrankungen bei Kaninchen, Meerschweinchen und anderen Heimtieren:

Kauprobleme durch Zahn- und Kieferfehlstellungen sind die häufigste Ursache für Inappetenz bei Kaninchen, Meer- schweinchen und anderen Heimtieren, wie Chinchilla, Hamster und Ratte. Sie nehmen in der Heimtiersprechstunde mit Abstand den größten Anteil ein. Fütterungsfehler sind der häufigste Grund für Probleme beim Fressen.

Eine Fütterung von Gras oder Heu ad libitum ist die beste Prophylaxe für die Zahngesundheit  unserer Heimtiere!

Wie kann meine Tierärztin oder Tierarzt Defekte an Zähnen und Kiefer feststellen?

Was sind die Zeichen für Zahn- und Kiefererkrankungen bei Heimtieren?

Was sind die häufigsten Ursachen für Fressprobleme?

Welche Arten von Zahn- oder Kieferproblemen existieren?

Welche Möglichkeiten der Behandlung von Kauprobleme gibt es?

Was kann man als Besitzer vorbeugend tun?

Was sind die Zeichen für Zahn- und Kiefererkrankungen bei Heimtieren?

Erkrankungen durch Kauprobleme werden häufig erst sehr spät vom Heimtierbesitzer festgestellt. Ein Grund dafür ist, dass Heimtiere selten abgemessene Rationen zu fressen bekommen, sondern oft einen vollen Futternapf zur freien Verfügung haben. Ein weiterer Punkt, den wir oft von den Besitzern hören, ist der, dass ihre Schützlinge jedoch ständig beim Fressen und Kauen beobachtet werden.

Es ist - bei den oft vergeblichen Kauversuchen - aber kaum zu beurteilen, ob die Tiere tatsächlich in der Lage sind das Futter so zu zerkleinern, so dass es auch abgeschluckt werden kann. Daher ist es nicht selten, dass wir die Patienten erst dann vorgestellt bekommen, wenn eine deutliche Abmagerung durch den Besitzer festgestellt wird. Meist befinden sich die Tiere dann bereits in einem mäßigen Allgemeinzustand. Deshalb ist es von enormer Wichtigkeit, die frühen Zeichen einer Zahn- oder Kiefererkrankung zu erkennen. Das wöchentliche Wiegen der Tiere ist ein objektiver Gradmesser für eine ausreichende Futteraufnahme. Gewichtsabweichungen von über 5 % sollten den Besitzer veranlassen, seinen Schützling genauer zu beobachten und vor allem auch Änderungen bei der Kotmenge zu kontrollieren.

Die schiefe Abnutzung der Schneidezähne (siehe oben) deutet meist auf ein Problem im Backenzahnbereich hin. Vermehrte Kaubewegungen ohne die vorherige Futteraufnahme und vermehrtes Speicheln sind weitere Indizien für Zahn- oder Kieferprobleme. Die Tiere mit speichelverklebtem Fell an Kinn und Halspartie bezeichnet man als “slobber” (siehe rechts). Harte und weiche Schwellungen im Unterkiefer- oder Kehlgangsbereich können Hinweise für eine fortgeschrittene Kauproblematik sein. Ebenso eine Vergrößerung des Augapfels, sowie Tränen- oder Nasenausfluss können ihre Ursache im Bereich der Zähne haben. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass jede Unregelmäßigkeit im Zusammenhang mit der Fütterung den Heimtierbesitzer dazu veranlassen sollte, seinen Schützling bei seiner Tierärztin oder Tierarzt vorzustellen.

Wie kann meine Tierärztin oder Tierarzt Defekte an Zähnen und Kiefer feststellen?

Bei der Untersuchung in der Tierarztpraxis kann, nach äußerer Untersuchung des Kopfes und der Kiefer, durch einfaches Lefzenheben eine Kontrolle der Schneidzähne und des Kieferschlusses durch- geführt werden. Mit einer beleuchteten Lupe (Otoskop mit Metallaufsatz) kann eine grobe Beurteilung des vorderen Backenzahnbereiches und des Weichteilgewebes, wie Zunge oder Wangen vorgenommen werden. Bei geringstem Verdacht auf Unregelmäßigkeiten, sollte die gesamte Maulhöhle einer exakten Untersuchung unterzogen werden.

Dies setzt allein auch schon aus tierschutzrechtlicher Sicht (enorme Verlet- zungsgefahr bei Abwehrbewegungen) eine Sedation bzw. Narkose unbedingt voraus. Nur an einem sedierten Tier ist eine spezielle Untersuchung aller Bereiche des Gebisses möglich. Röntgenaufnahmen bei geschlossenem und geöffnetem Kiefer lassen Aussagen über kieferorthopädische Probleme zu. Ebenso kann auf diesen Übersichtsaufnahmen das Längenwachstum der Zähne oder auch knöchernde Veränderungen bei Zahnwurzelabszessen beurteilt werden.

Was sind die häufigsten Ursachen für Fressprobleme?

Bei der Entstehung von Zahnerkrankungen ist es wichtig, die anatomischen Besoderheiten der Heimtiere zu unterscheiden. Alle Nagetiere, sowie Kaninchen und Hasen (Lagomorpha) besitzen hypsodonte Schneidezähne, mit der Fähigkeit des lebenslangen Nachwachsens. Während bei Kaninchen, Hase, Meerschweinchen und Chinchilla auch die Backenzähne in der Lage sind ein Leben lang nachzuwachsen, besitzen die Backenzähne von Hamster, Maus und Ratte Wurzeln mit abgeschlossenem Längenwachstum. Die Konsequenz daraus bedeutet, dass nachwachsende Zähne, in gleicher weise, wie sie aus dem Kiefer herausgeschoben werden, auch einer stetigen Abnutzung bedürfen. Man sollte sich darüber bewusst sein, dass die Zahnproduktion der nachwachsende Zähne bei Meerschweinchen oder Kaninchen durchaus im Bereich von 1 - 3 mm pro Woche liegt. Wenn der Abrieb dieser nachwachsenden Zähne in einem Ungleichgewicht zu ihrer Produktion steht, kann es zu massiven Problemen im Gebiss dieser Tiere kommen. Das ist der Grund, warum Fütterungsfehler, durch die keine gleichmäßige und stetige Abnutzung der nachwachsenden Zähne gewährleistet wird, die häufigste Ursache für Zahn- oder Kiefererkrankungen bei unseren Heimtieren sind.

Welche Arten von Zahn- oder Kieferproblemen existieren?

Typische Folge eines Missverhältnisses von Zahnproduktion und -abnutzung ist - durch das vermehrte Längenwachstum ausgelöst - die Entstehung eines erhöhten Drucks auf die Kaufläche der Backenzähne. Bedingt durch den stetig zu hohen Kaudruck weichen die Backenzähne derart aus ihrer normalen Lage, dass es zu ungleichmäßiger Abnutzung und damit zur Ausbildung von enorm scharfen Zahnkanten kommt. Diese Zahnkanten bilden sich im Unterkiefer nach innen zur Zunge (siehe rechts) und im Oberkiefer nach außen zur Backenseite hin (siehe unten). Die Folge sind massive Verletzungen des Zungengewebes durch die messerscharfen Spitzen im Unterkiefer, während sie im Oberkiefer die empfindliche Backenschleimhaut beschädigen. Durch Einlagerung von Futterpartikeln in diese Verletzungen, können diese Wunden ein Ausmass annehmen, die zu tiefen Geschwüren führen, durch die eine Kautätigkeit unmöglich wird.

Im Unterkiefer der Meerschweinchen kann es, durch die Zunahme der zungenwärtsgerichteten Zahnkanten und der gleichzeitig starken Kauflächenneigung, zur Brückenbildung (siehe unten) der Unterkieferbackenzähne über die Zunge kommen. Dies kann die natürliche Schluckbewegung durch die Zunge unmöglich machen. Eine weitere Folge des Missverhältnisses von Zahnproduktion und -abnutzung ist die Verlängerung der Zähne in die Maulhöhle, so dass es zu einem Dauerkontakt der Backenzähne kommt. Durch eine damit verbundene stetige Erhöhung des Kaudrucks, kommt es zu einer Schädigung des Keimgewebes im Wurzelbereich dieser Zähne. Dies kann sogar zu einem Wachstum in umgekehrter Richtung, also zur Wurzel hin führen. Häufig zu beobachtende Folgen im Oberkiefer können ein Einwachsen von Backenzahnwurzeln in die Augenhöhle, oder die Verlegung des Tränennasenkanals sein.

Im Unterkiefer dagegen sieht man eher harte oder weiche Verdickungen an dessen unteren Rand, die sich zu Kiefervereiterungen und Abszessen entwickeln. Deshalb sind Vergrößerungen des Augapfels, Tränen- oder Nasenausfluss sowie Verdickungen am Unterkieferrand, Symptome, bei denen an eine Zahnproblematik ursächlich zu denken ist.  Kieferfehlstellungen bei Heimtieren zeigen sich meist durch das übermäßige Längenwachstum der Schneidezähne. Durch einen zu kurzen Ober- oder Unterkiefer ist eine exakte Schlussbissstellung der Schneidezähne nicht mehr gegeben, so dass ein korrekter Abrieb der Schneidezahnkanten unterbleibt. Aber auch bei natürlicher Kieferstellung können ungleichmäßige oder fehlerhafte Abnutzungen der Schneidezähne ein Indiz für eine Problematik im Backenzahnbereich sein.

Welche Möglichkeiten der Behandlung von Kauprobleme gibt es?

Oberstes Ziel einer Zahnbehandlung bei Heimtieren ist die Wiederherstellung einer normalen Schlussbissstellung der Schneide- und Backenzähne, so dass ein natürlicher Kauvorgang ermöglicht wird. Ein Kürzen der Schneidezähne ist bei Heimtieren, in der Regel ohne Narkose oder Sedation möglich. Zur Vermeidung von Zahnsplitterungen - z. T. bis in die Wurzel - sollte auf den Gebrauch einer Zange verzichtet werden. Hierfür besser geeignet sind rotierende Instrumente mit Bohrern oder Diamantschleifern. Der Grad der Kürzung wird durch die tierartlichen Besonderheiten bestimmt. Bei Kaninchen sind die Schneidezähne, im Gegensatz zu den Backenzähnen, bei geschlossenem Kiefer in Kontakt, so dass die normale Länge dieser Zähne leicht zu bestimmen ist. Bei den Nagern ist dies nicht der Fall. Während sich die Backenzähne bei geschlossenem Kiefer in Kontakt befinden, stehen die Schneidezähne hierbei kontaktlos hintereinander.

Eine professionelle Korrektur der Backenzähne ist ausschließlich in Narkose oder Sedation möglich. Nur hierbei ist, nach einer exakten Untersuchung der Maulhöhle und mittels angfertigter Röntgenaufnahmen, eine korrekte und für den Patienten sichere Therapie gewährleistet. Unter größtmöglichstem Schutz des Weichteilgewebes, wird mit Hilfe von rotierendem Instrumentarium, eine Korrektur der Bissverhältnisse vorgenommen (siehe links vor und unten nach der Korrektur). Die ausschließliche Verwendung von Zahnzangen und diamantierten Feilen sollte vermieden werden, da die Gefahr von Zahnfrakturen oder die Verletzung von Weichteilgewebe nicht zu unterschätzen ist.

Bei der Wiederherstellung der natürlichen Kauflächenneigung muss berücksichtigt werden, dass die Kauebene beim Kaninchen um ca. 10° und beim Meerschweinchen um ca. 30° vom nahezu horizontalen Bissschluss der Chinchillas abweicht. Ist ein Ziehen von Zähnen unvermeidbar, sollte nach erfolgter Extraktion von wachsenden Zähnen das Keimgewebe im Wurzelbereich mit entfernt werden, um ein Nachwachsen von Zahnhartsubstanz zu ver- hindern. Durch die beschränkte Möglichkeit der Maulöffnung, ist es in manchen Fällen unvermeidbar, zum Ziehen eines Zahnes einen operativen Zugang von aussen zu wählen. Nach erfolgter Extraktion kommt es häufig zum verlängerten Wachstum des gegenüberliegenden Zahnes, was zu einer Keilbildung in die Zahnlücke führen kann. Eine regelmäßige Kontrolle, ggf. mit Korrektur, ist in so einem Fall unvermeidbar.

Was kann man als Besitzer vorbeugend tun?

Die Wiederherstellung einer funktionellen und natürlichen Kautätigkeit ist nicht selten mit langwierigen und häufigen Behandlungen bei diesen Heimtieren verbunden. Umso mehr gewinnt die rechtzeitige Prophylaxe, durch eine artgerechte Fütterung seitens des Heimtierbesitzers, an Bedeutung. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Zahnproduktion und -abrieb bei Heimtieren mit nachwachsenden Zähnen, ist nur gewährleistet, durch die Gabe von abrasivem Futter wie Gras oder Heu in beliebiger Menge. Durch die häufige oder oft auch ausschließliche Fütterung von pelletiertem und körnereichem Futter ist ein natürlicher Zahnabrieb kaum möglich. In natürlicher Umgebung ernährt sich ein Kaninchen, als reiner Grasfresser, in überwiegender Weise von stark abrasivem Gras, Wurzeln und anderen Pflanzenteilen. Durch den hohen Anteil von Silicaten in der Erde ist natürlicherweise für eine gute Abnutzung der Backenzahnkauflächen gesorgt. Die Kaubewegungen der Kiefer in seitlicher Richtung beim Kaninchen sind ein weiterer Faktor, der gegen die Gabe von Getreidekörnern oder pellitiertem Futter spricht. Bei dieser Art der Kaubewegung werden beispielsweise Körner oft nur angequetscht und nicht zermahlen abgeschluckt und können zusätzlich zu Verdauungsstörungen beim Kaninchen führen.

Der natürliche Lebensraum der Meerschweinchen sind die Hochebenen der Anden. Hier ernährt es sich ebenfalls überwiegend von sehr rauhem, hartem Gras, was einen optimalen Abrieb der Kauflächen bei dieser Tierart garantiert. Im Gegensatz zum Kaninchen, sind die Kaubewegungen beim Meerschweinchen und anderen Nagern überwiegend vor- und zurückgerichtet. Ein weiterer Aspekt, der für die Gabe von Gras oder Heu spricht, ist die Dauer der Kautätigkeit. Natürlicherweise sind Kaninchen und Nager den überwiegenden Teil des Tages mit “Kauarbeit” beschäftigt, um ihren normalen Kalorienbedarf zu decken. Durch die Gabe von vorzerkleinertem, also pellitiertem Futter, müssen unsere Heimtiere kaum noch “Kauarbeit” verrichten, was häufig, auch durch Langeweile, zu einer übermäßigen Futter- und Kalorienaufnahme führt. Der Anteil von stark übergewichtigen Heimtieren mit Verdauungsproblemen in unserer Sprechstunde ist nicht zu unterschätzen.

So und nun mal ehrlich: wie würden Sie sich entscheiden zwischen Schwarzbrot und Mousse-au-chocolat?